Eine Plakatkampagne, gestaltet von zehn Künstler*innen, Autor*innen und Illustrator*innen, die sich auf künstlerische und literarisch-poetische Weise mit dem Thema Gewalt gegen Frauen* auseinandersetzt.

Verwirrende Kataloge

Edoardo Massa Scriber, Illustrator

Wissal Houbabi Aktivistin, Künstlerin

Wenn wir Gegenstände und Materialien kaufen, um unser Zuhause einzurichten, können wir uns nicht vorstellen, dass vielleicht eine Tasse oder ein Topf zu einer Waffe werden kann. Die häusliche Gewalt bedient sich der kreativsten Energien und der absurdesten Ausreden, um sich zu legitimieren: Raptus, Eifersucht, Ungehorsam, Verrat, Streit. Die Alltagsobjekte in unseren Wohnungen und Häusern sind oft die einzigen Zeugen der patriarchalen systemischen Gewalt, die im Privaten in ihrer unkontrollierbarsten Wildheit wirkt. Es ist wichtig zu erkennen, dass Gewalt eine Entscheidung ist und nicht eine Folge, und dass all jene, die sich für die Gewalt entscheiden auch die Verantwortung tragen. Zu den schwierigsten Hindernissen, die es für die Betroffenen zu überwinden gilt, gehört sicherlich das Schuldgefühl, die physische, psychische und/oder emotionale Gewalt angeprangert oder sich dagegen aufgelehnt zu haben. Das Plakat soll die Gewalt in ihrer brutalen Normalität aufzeigen.

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ist nicht.

Gülbin Ünlü Künstlerin

Eleonore Khuen-Belasi Dramatikerin

Es stellt sich die Frage danach, was es bedeutet, Geschehnisse in einer Gesellschaft zu interpretieren und sie dementsprechend zu formulieren. Diese Frage stellen wir uns in unserem künstlerischen Schaffen täglich. Wer interpretiert was auf welche Weise und welche Formen der Gewalt liegen in einer festen Erzählung, einer Vorgabe oder einer Interpretation. Was bedeutet es, wenn der Mord an FLINTA* Personen zu einem Feld von Interpretationen werden darf, und wie wird damit einem Gewaltakt nachträglich zusätzliche Formen von Gewalt auferlegt. Ist jede Interpretation gleich Gewalt, und wo findet die Kunst da ihren Platz? Mord ist nicht interpretierbar. Genauso wie alles was nicht interpretiert werden kann, auch dessen absolute Auslöschung bedeutet. Im Nichts gibt es nichts zu interpretieren.

FLINTA* steht für Frauen (F), Lesben (L), inter (I), nicht-binäre Menschen (N), trans Personen (T), agender (A) und alle, die sich mit den genannten Geschlechtsidentitäten oder keiner identifizieren können (*).

 

 

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Schaut auf diese Zahl - und schaut weiter

Ingrid Hora Visuelle Künstlerin

Maxi Obexer Autorin

87 000 Frauen und Mädchen wurden 2017 weltweit ermordet. Während der Pandemie ist die Gewalt auf rund die Hälfte, also auf rund 50 % angestiegen, in einigen Ländern auf über 70 %. Nichts daran ist normal. Dennoch scheint im Kampf gegen Gewaltverbrechen an Frauen der Kampf gegen die Normalität am Größten. Wir müssen den Blick auf diese Zahlen wagen. Solange, bis der Schleier der Normalität wie Asche zerfällt. Bis der Schrecken wach wird und das Entsetzen. Bis der Blick fürs Reale erwacht. Und mit ihm die Empathie, die Solidarität. Und endlich die Entscheidung, zu handeln und zu verändern.

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Zu dieser Zerstörung werden Männer erzogen.

Sophie Utikal Textil-Künstlerin

Senthuran Varatharajah Schriftsteller

Sophie Utikal und Senthuran Varatharajah thematisieren in ihrem Plakat die Gewalt des Patriarchats, von der Männer profitieren, aber unter der sie auch leiden. Es steht außer Frage: Männer werden von klein auf zu Gewalt erzogen. Diese Gewalt richtet sich in erster Linie gegen Frauen und queere Menschen, aber auch gegen Männer selbst. Das Plakat möchte zu ihrem Ende aufrufen. Zu Solidarität und Sanftheit.

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Gewalt erspüren

Teresa Sdralevich Grafikerin, Illustratorin

Rosalyn D’Mello Feministische Autorin

Körperliche Misshandlung ist nicht die einzige Erscheinungsform von Gewalt. Sie ist lediglich die sichtbarste Form, die uns davon ablenkt, die zahlreichen anderen Symptome psychischer Schäden anzuerkennen. Zwischen Ehepartnern wird Gewalt oft durch Gewohnheiten getarnt, die unschuldig ausgeführt werden, aber darauf ausgelegt sind, Frauen zu kontrollieren, ihre Handlungsfähigkeit einzuschränken, indem sie ihr Selbstwertgefühl immer wieder herabsetzen, sie von Unterstützungssystemen isolieren und so eine toxische finanzielle und emotionale Abhängigkeit fördern. Wir beschuldigen und hinterfragen Frauen, die sich nicht in der Lage fühlen, missbrauchende Partner zu verlassen, und erkennen selten, warum sie gezwungen sind zu bleiben. Diese Plakatserie lenkt die Aufmerksamkeit auf verschiedene Warnsignale innerhalb von Beziehungen, die oft abgetan werden, weil wir sie nicht als inhärent missbräuchlich erkennen, insbesondere wenn wir Gewalt als eine Erweiterung von Liebe betrachten.

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